Gedanken zur Depression

November 13, 2009 um 3:24 pm | Veröffentlicht in Uncategorized | 3 Kommentare

KerzeDer Freitod Robert Enkes hat wohl jeden auf die ein oder andere Art betroffen gemacht, egal ob nun Fußballfan oder nicht. Unfassbar sind noch immer die Geschehnisse von Dienstagabend und es bleibt die Frage nach dem „Warum?“.

Diese Frage wird für immer unbeantwortet bleiben, das muss man sich klar machen. Ebenso wie man erkennen muss, dass dieses Warum-Fragen psychologisch gesehen ein „No-Go“ ist. Niemand wird je auf diese Frage eine hinreichende Antwort geben können, selbst (so blöd das jetzt auch klingen mag) Robert Enke würde dazu wohl nicht imstande sein. Es bringt uns also nicht weiter diesen Selbstmord ausgehend von einem einzigen Fragewort zu ergründen.

Stattdessen sollten wir uns erst einmal mit dem beschäftigen, was wir wissen, ohne gleich den Versuch zu machen, etwas in diese Tatsachen hineinzuinterpretieren.

  • Fakt ist, Robert Enke befand sich seit 2003 in psychiatrischer Behandlung.
  • Fakt ist, es wurde das Krankheitsbild Depression bei ihm diagnostiziert.
  • Fakt ist, Enkes Tochter starb 2006 im Alter von zwei Jahren an einem irreparablen Herzfehler.
  • Fakt ist, Robert Enke wählte den sog. „Schienensuizid“. Die Gleise befanden sich in der Nähe des Grabes seiner Tochter.
  • Fakt ist, Robert Enke hinterließ der Nachwelt einen Abschiedsbrief.
  • Fakt ist, Depression ist eine äußerst ernstzunehmende Krankheit, die wie jede andere auch ärztlicher Behandlung (hier: die eines Psychiaters) bedarf.

Und Fakt ist auch, so überraschend das vielleicht klingen mag, dass die Depression (zusammen mit Herzinfarkt und Krebs) mit etwa einer Millionen Betroffener allein in Deutschland sogar zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt zählt.

Was nun in den Medien zu beobachten ist, ist, dass man sich nun auf den Begriff Depression stürzt und diesen mehr oder weniger als den Grund für das „Warum?“ anführt. Dies kann wiederum dazuführen, dass einige Menschen, sobald sie das Wort „Depression“ hören, sofort an Robert Enke denken und an seinen Weg sich dieses Problems zu entledigen. Ich sehe also das Problem, dass Depression unmittelbar mit Selbstmord verbunden wird. Und das ist meiner Ansicht nach eine große Gefahr: die Krankheit verstärkt sich quasi selbst. Ich bin der Ansicht, dass die Depression als Krankheitsbild als solches nicht in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen, geschweige denn akzeptiert wird, wie beispielsweise körperliche Leiden.

Es ist eine Erkrankung der Seele, die durch tiefe innere Verzweiflung, quälende innere Leere, Hoffnungs- und Antriebslosigkeit gekennzeichnet ist. Wer gibt schon gerne zu zum Psychiater zu gehen? Jemand der zum „Seelenklempner“ geht, „hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“ und wird nicht doch wirklich ernst genommen; gilt als schwaches MItglied in einer Gesellschaft, in der Schwächlinge nicht akzeptiert sind; ist doch selbst schuld, wenn er seine Probleme nicht in den Griff bekommt. „Wir haben ja schließlich auch unsere eigenen Probleme“. So oder so ähnlich empfinde ich zumindest die breite öffentliche Wahrnehmung der Depression. Als klassische Krankheit, die ganz differenziert behandelt werden muss, weil jede Depression individuell ist, wird sie zur Zeit absolut von der Mehrheit der Bevölkerung nicht akzeptiert. Die Betroffenen brauchen aber Hilfe, sie brauchen jemanden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können und das allerwichtigste:

sie brauchen eine Gesellschaft, in der sie sich verstanden fühlen; die mit Depression umzugehen weiß, die einen Depressiven nicht als einen, „der sie nicht mehr alle hat“ abklassifiziert und die ihnen zu verstehen gibt, dass sie sich ihrer Erkrankung nicht zu schähmen brauchen, weil es schlichtweg eine Krankheit ist und nichts mit persönlicher Schwäche oder Ähnlichem zu tun hat.

Depression darf kein Tabuthema sein. Denn wie ist die Krankheit zu überwinden, wenn niemand davon erfahren soll, wenn man Angst davor hat, sich zu „outen“, weil man meint zu wissen, dass man nicht akzeptiert wird. Diese Angst verstärkt die schon vorhandene innere Verzweiflung doch nur noch zusätzlich: eine Spirale nach unten…

Wir alle müssen uns mit diesem Thema differenziert außereinandersetzten, ein breites Bewusstsein schaffen, dass sich Depressive ob ihrer Krankheit nicht zu schähmen brauchen, keine „Aussätzigen“ sind, es sollte mehr  Selbsthilfegruppen wie z.B. „anonymen Depressiven“ geben und Bündnissen wie das gegen Depression mehr öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt werden. Nicht die Abkehr von Depressiven sondern, dass Aufeinanderzugehen und Miteinanderreden ist ein Schlüssel für die vielen Schlösser der Verzweiflung. Gegenseitige Akzeptanz vorausgesetzt.

Und wenn dieser Selbstmord überhaupt etwas Positives an sich haben kann, dann dies: die Leute reden über Depression, man beschäftigt sich damit, sie sind in die öffentlich Aufmerksamkeit gerückt, man fragt sich was man dagegen tun kann, damit nicht es soweit kommt, …

Gestern in der FLZ stand zu lesen „Robert Enke war krank, doch er wollte sich nicht helfen lassen“. Das ist falsch, er hat sich helfen lassen von einem Psychiater, von der Gesellschaft aber, hat er sich keine Hilfe versprochen, er fürchtete genau das Gegenteil. Hoffentlich zu unrecht (Stichwort Werther-Effekt).

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3 Kommentare »

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  1. Sorry, aber 99% deines Artikels ist purer Quatsch! Womit du recht hast ist die tatsache, dass niemand, nicht mal Enke selber das „warum“ beantworten kann – umso abscheulicher, dass dies aber fast alle tun (da empfehle ich dir meinen Beitrag im prw-forum…).
    Was du aber über Depressionen und deren wahrnehumung in der gesellschaft schreibst, solltest du vielleicht nochmal überdenken, denn das problem liegt nicht darin, dass in der gesellschaft „depressionen“ nicht als krankheit, sondern als „der hat an sprung in der schüssel“ angesehen werden, sondern dass jeder innerhalb dieser gesellschaft (du genauso wie ich) das verhalten der gesellschaft verteufelt, aber es nicht schafft, davon zu distanzieren.

    Beispiel gefällig? Wenn wir schon mal beim fußball und enke sind: er hatte schiss, dass wenn er damit an die öffentlichkeit geht, dass dann seine karriere kaputt ist. dies ist ein völlig falscher ansatz, denn die gesellschaft reagiert nur auf das geschehene. Indem du jetzt auf die Geschehnisse des letzten Dienstags reagierst, machst du aufmerksam, dass die gesellschaft scheiße ist und solche leute nicht ernst nimmt. klar, das stimmt und ist scheiße, doch daran sind wir schuld! wir brauchen erst solche fälle, um unser fehlverhalten einzusehen… doch selbst dies ist ein schwieriger weg, und zwischen einsehen und ändern ist der weg noch mal ein stück weiter! jetzt ist alles scheiße, jetzt wird mit depression als krankheit zu lasch umgegangen – aber glaubst du, dass wenn in ca. 3, 4 jahren ein buli-profi aufhört, weil er depressiv ist, die gesellschaft dem menschen auf die schulter klopft und sagt „richtig, gut gemacht!“??? Auch dann wird die Schwäche dieser person bekannt gemacht und man reitet darauf rum, genauso wie derzeit bei enke! auf der einen seite ist alles schlimm und es muss sich was ändern im fußball, auf der anderen seite spart man keinerlei details von enkes leben aus, weswegen auch immer (ich vermute sensationsgier bzw. dummheit dahinter, kann auch an was anderem liegen).
    und noch was ganz anderes: enke würde noch leben und seine krankheit wäre bekannt – ein labiler mensch, der zudem tagtäglich noch in der öffentlichkeit steht, bräuchte nun also völlige ruhe, keinerlei druck usw., damit er wieder auf die beine kommt. überlege mal, was los wäre, wenn enke das öffentlich gemacht hätte und suizidgedanken geäußert hätte – die detailgetreue berichterstattung mit jedem bisschen seines lebens wäre genauso veröffentlicht worden wie dutzende ungerechtfertigte vermutungen und bedenken. und es wären sicherlich wieder leute aus ihren löchern gekrochen gekommen, die so wie du etz mit dem finger auf die gesellschaft gezeigt hätten. was ändert sich??? NIX, REIN GAR NIX!!!
    Und eines noch, bevor du über mich mit dem Kopf schütteln kannst: wenn das problem „depressionen“ in einem bereich unserer gesellschaft richtig eingeschätzt wird, dann im sport! die fans, die trainer und wer noch alles, haben das beste näschen für derlei fälle (siehe deisler oder hannawald).

    achja… vielleicht waren es nicht 99%…. 98,9%

  2. Danke für deine Ausführungen zu den Umständen von Enkes Freitod und den Ammerkungen zur Depression als Krankheit. Ich bin sicher weitgehend deiner Meinung. Das größte Problem sehe ich auch in der Gesellschaft, die sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern wird. Deshalb wird das „sich outen“ auch für den depressiv Erkrankten genauso schwierig wie für andere Erkrankten (Spiel-, Alkohol- und andere Suchtkranke) und Minderheiten (zB Homosexualität). Der Gang zu Selbsthilfe- oder -findungsgruppen wird, zumindest in Kleinstädten ein Spiessrutenlauf, also auch schon ein outen. Stell dir nur mal vor, der Torhüter von Nürnberg oder München oder … outet sich als depressiv Kranker, was wird da in des Gegners Kurve alles gerufen wird. (ich befürchte, dass das auch in Hannover passieren würde, auch von einen Teil der ca. 100.000 Trauernden, die sich am Sonntag im und um das Stadion versammeln. Habe gerade noch eine Meinung von Corny Littmann (das ist der homosexuelle Präsident von St. Pauli): Auch bei schwulen Fußballern kann ich verstehen, dass sie sich nicht outen wollen. Ein schwuler Spieler hätte nicht die geringsten Pribleme, auch nicht mit den Fans. Aber er hat schließlich nur einen zeitlich begrenzten Vertrag mit dem FC St. Pauli. Was passiert danach??

  3. Lieber Jakob,
    danke für deinen Kommentar, der sicher den artikel um ein paar dinge bereichert, allerdings zeigt, dass du meine Absicht und Botschaft nicht ganz verstanden hast. Zunächst einmal zum Begriff „die Gesellschaft“, der für dich ja ziemlich absolut zu sein schein. Für mich allerdings ist die Gesellschaft ein vielschichtiges „Gebilde“, dass die unterschiedlichsten Charaktere und Weltanschauungen in sich vereint. Deshalb stört mich an deinen Ausführungen, dass man sich von der Gesellschaft distanzieren solle, wie soll das bitteschön funktionieren? Sind wir doch alle Teil dieser Gesellschaft. Wir können uns höchstens von der Meinung, die in einigen Teilen der Gesellschaft zum Thema Depression vorherrscht, distanzieren, wobei ich hier wiederum das Entfernen nicht für den richtigen Weg halte. Ich habe nie gesagt, dass „die Gesellschaft scheiße ist“, diese Aussage von dir ist ebenso pauschal wie dadurch dumm.
    Für dich sind es v.a. andere Gründe, die den Umgang mit Depressionen so erschweren, ich wollte (ohne den moralischen Zeigefinger zu sehr zu bemühen) darauf aufmerksam machen, dass eine falsche Sichtweise bzgl einer Krankheit in vielen Köpfen vorherrscht. Jeder mag da seine untschiedlichen Ansichten haben und diese auch unterschiedlich gewichten, aber zu sagen, das ist alles Quatsch (ok, nicht alles, nur 98,9%, wir wollen ja nicht pauschalisieren;-) nur weil deine Meinung andere Ursachen vorn anstellt, die bestimmt nicht minder zu beachten sind (aber aus Platzgründen habe ich mir nun mal die Probleme der Depression im Bezug auf unsere Gesellschaft hergenommen, weil dies für mich einer der Hauptgründe ist), finde ich es aber höchst fragwürdig, die anderen Ursachen, die man subjektiv als weniger relevant betrachtet einfach komplett ins Reich des Unfugs (oder Quatsch wie du es nennst) zu verbannen. Jede Diskussion über dieses Thema ist wertvoll und bringt uns einen klitzekleinen Schritt weiter. Diesbezüglich auch noch danke an Rolf für seinen Kommentar, der neue Denkanstöße gibt.


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